Teamfähigkeit von Organisationen
Wenn Mitarbeiter gesucht werden findet man gewöhnlich die Formulierung "teamfähig und belastbar". Schaut man sich aber dann die Arbeitsbedingungen an, so findet man häufig Organisationen, die alles andere wollen als Teams. Was meine ich damit?
Projektmanagement Tools
Das Projektmanagement sieht es als Aufgabe an, das Projekt in kleine Tasks zu zerlegen, diese in Pertcharts einzutragen und den "Team"-mitgliedern zuzuweisen. Danach wird regelmäßig der Fortschritt bei jedem Einzelnen abgefragt. Durch diese von oben kommende Arbeitsverteilung wird das Team aber zerstört. Teamarbeit sollte bedeuten, daß die Teammitglieder zusammenarbeiten und die Fähigkeiten des Einzelnen dem Team zugute kommt. Stellt aber ein Teammitglied fest, daß es das Ergebnis des Teams deutlich verbessern könnte, wenn es eine Aufgabe leistet, die ihm nicht zugeordnet ist, wird sich das Teammitglied dies dreimal überlegen, denn es hat dann einen geringeren Fortschritt bei der ihm zugewiesenen Aufgabe und schwierige Diskussionen mit dem Projektmanager zu erwarten. Läßt der Projektmanager aber solches Handeln zu, so verliert sein Plan rasch an Wert. Fazit: wenn Projektpläne so benutzt werden, daß die Tasks einzelnen Personen zugewiesen werden, hat man eine Gruppe von Einzelkämpfern.
Individuelle Zielvereinbarungen
Heutzutage sind variable Gehaltsbestandteile sehr beliebt. Häufig sind sie mit individuellen Zielvereinbarungen verbunden. Diese stehen leicht in Konflikt mit den Projektzielen. Wenn ich neben der Projektarbeit noch über das Jahr z.B. ein Abteilungs-Wiki aufbauen soll, muß ich mir überlegen, ob ich an dem Wiki arbeite und mein Gehalt verbessere oder zum Projektfortschritt beitrage. Besonders schwierig wird es, wenn einzelne Teammitglieder Ziele haben, die sich widersprechen oder in Konkurrenz stehen. Will ich nun die Kundenzufriedenheit steigern oder den mittleren Stundensatz durch Einbindung von Offshorekräften senken? Hier kann es bis zur (eventuell unbewußten) Sabotage kommen.
Mitarbeiterbeurteilung
Bei einem Gespräch mit Kollegen fiel neulich die Bemerkung, daß auch der Wunsch besteht, die persönliche Leistung sichtbar zu machen und so ein besseres Gehalt zu erzielen. Daher kamen Vorbehalte gegen Teamarbeit. Dies finde ich besonders traurig. Die Vorgesetzten hoffen darauf, daß die Konkurrenz untereinander zu höherer Leistung anspornt. In Wirklichkeit entsteht aber nur Reibung. Auch wenn das gesamte Team einheitlich beurteilt wird, werden gute Mitarbeiter in der Regel nach einiger Zeit besser dastehen als weniger geeignete. Ein guter Mitarbeiter muß nur dafür sorgen, daß sein jeweiliges Team erfolgreich ist. Allerdings könnten dann auch ganz andere Eigenschaften zu höherem Einkommen führen wie bei dem Einzelkämpfermodell. Eine Person, die in der Lage ist, die Kommunikation in einem Team positiv zu fördern, so daß die Teammitglieder besser arbeiten können, könnte auch bei mäßigen technischen Fähigkeiten sehr gut darstehen, wenn ihr das immer wieder gelingt.
Fazit
Bei vielen althergebrachten Organisationen bedeutet Teamfähigkeit, nicht gegen die von oben vorgegeben Spielregeln aufzumucken, und Belastbarkeit ist notwendig, die dadurch entstehenden Reibungsverluste aufzufangen.
Solche Organisationen sind mittelfristig dem Untergang geweiht. Es gibt heute gut ausgearbeitete Modelle zur Projektarbeit im Team, die eine wesentlich höhere Effizienz erreichen. Diese findet man unter dem Stichwort agil (z.B. Scrum). Firmen, die bei den alten Strukturen bleiben, werden sich in der gleichen Situation finden, wie einige große Firmen der Automobilindustrie, die zu spät erkannt haben, wie die japanischen Konkurrenten die Effizienz und Qualität haben steigern können.