Zudem habe ich Zweifel, ob es im Geschäft mit der Produktion von Individualsoftware den indischen Firmen wirklich gelingen kann, wesentlich günstiger zu produzieren wie einheimische Konkurrenten. Wenn ich damit recht habe, so rechnen entweder die Auftraggeber falsch oder die Inder zahlen bei vielen Projekten drauf.
Softwareproduktion in Indien
Die indische Softwareindustrie ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Jedes Jahr stellt sie Tausende neue Mitarbeiter ein. Das ist die optimistische Sicht der Dinge. Die Kehrseite ist, daß ein großer Teil der Mitarbeiter kaum Erfahrung hat. Die billigen Kräfte besitzen die Qualifikation eines Studenten, wie wir ihn in den 90er Jahren bei uns mitarbeiten haben lassen zu einem Stundenlohn unter dem eines indischen Mitarbeiters. Allerdings hatten wir dann immer Kandidaten für Neueinstellungen, die wir genau kannten und die praktisch keine Einarbeitung brauchten.
In Indien herrscht eine große Fluktuation von Mitarbeitern. Wenn man Leute eingearbeitet hat und sich das Projekt verzögert, so haben die Leute innerhalb kürzester Zeit einen neuen Arbeitsplatz. Bei einem anspruchsvollen Projekt braucht es aber eher Monate als Wochen, bis sich ein neuer Mitarbeiter eingearbeitet hat. Durch den Weggang eines Mitarbeiters entstehen so erhebliche Kosten. Daher werden mindestens zweimal soviele Mitarbeiter bei einem indischen Projekt gebraucht, als es bei einer stabilen Belegschaft notwendig wäre. Damit schmilzt der Vorsprung bei den Lohnkosten zusammen.
Individualsoftware und Kommunikation
Bei der Erstellung von Individualsoftware wird die Software nach de Spezifikation des Kunden erstellt. Die Kunst der Softwareerstellung besteht aber darin, aus einer zunächst unpräzisen Beschreibung in natürlicher Sprache ein präzises, nach den Gesetzen der Logik ablaufendes Computerprogramm zu erstellen. Wenn man in der Lage wäre, vollständige, widerspruchsfreie und in sich abgeschlossene Beschreibungen zu erstellen, würde man danach keine weiteren Entwickler mehr benötigen, sondern könnte die Software daraus automatisch erstellen. Aus dieser Überlegung ergibt sich aber zwingend, daß der Softwareentwickler einen großen Teil des Tages damit verbringt, Unklarheiten aus den ihm vorliegenden Konzepten zu klären. Dies erfordert einen Dialog mit dem Kunden. Je schwieriger dieser Dialog ist, desto teurer wird die Softwareentwicklung und desto größer ist die Gefahr des Scheiterns des Projekts.
Die Kommunikation eines indischen Softwareentwicklers mit einem europäischen Kunden erfolgt aber meist nur indirekt über mehrere zwischengeschalteten Personen. Dazu kommen Probleme wie Zeitverschiebung und Sprache. Bei Sprache geht es nicht nur darum, daß die mündliche Ausdrucksfähigkeit der meisten Inder im Englischen eher beschränkt ist. Noch schwieriger ist es, die problemspezifische Sprache des Kunden zu dem Entwickler zu bringen. Jede Firma hat ihre eigene Art, sich auszudrücken, die außerhalb oft schwer verständlich ist. Wenn der Entwickler nie direkten Kontakt mit dem Kunden hat, wird es da immer zu Mißverständnissen kommen.
Wert des Wissens
Es ist bekannt, daß die Software auf den Unternehmenssystemen für heutige Firmen oft einen erheblichen Wert darstellt. Was sich die meisten Firmen nicht klar machen, ist, daß dieser Wert zu einem nicht unerheblichen Teil im Wissen der Leute besteht, die die Software entwickeln. Wenn die Softwareentwicklung ausgelagert wird, gehen damit Werte verloren, die meist nicht beziffert werden. Wenn dann der neue Anbieter ausfällt, so wird es noch teurer, da dann eine kontrollierte Übergabe nicht mehr realisierbar ist. Die Auswirkungen können für die betroffenen Firmen existenzbedrohend sein.
Die Geschäftssoftware bildet die Geschäftsprozesse des Unternehmens ab. Diese stellen aber die Grundlage eines Vorsprungs gegenüber der Konkurrenz dar. Wenn dieses Wissen aus dem Unternehmen ausgelagert wird, besteht die Gefahr, diesen Vorsprung zu verlieren.
Stärken der Entwicklung in Indien
Software, bei der eine Einbeziehung eines Kunden nicht notwendig ist, kann heute kaum noch zu konkurrenzfähigen Preisen in Westeuropa oder Nordamerika entwickelt werden. Es handelt sich hierbei um Software, die Dinge abbildet, die z.B. durch Standards definiert sind. Gleiches gilt für Softwareprodukte, deren Funktion allgemein bekannt ist, wie zum Beispiel Textverarbeitungsprogramme.
Auch Entwicklungswerkzeuge lassen sich nur noch in Ländern mit günstigen Löhnen produzieren, auch wenn hier Osteuropa führend ist. Dadurch, daß viele kostenlose Open-source-Programme zur Verfügung stehen, lassen sich keine Preise mehr realisieren, die eine Entwicklung woanders erlauben würde.
Auch hat die indische Softwareindustrie einen großen Vorteil auf dem asiatischen Markt, da sie eben da näher dran ist und besser mit dem Kunden kommunizieren kann.
Konsequenz
Firmen, die meinen, Geld einsparen zu können, indem sie die Softwareentwicklung nach Indien verlagern, sollten sich wesentlich besser der Risiken bewußt werden und die Einsparmöglichkeiten realistischer einschätzen. Geschieht das nicht, so ist leicht die Existenz der betroffenen Firmen in Frage gestellt.
Man muß sich die Frage stellen, ob die Versprechungen der großen indischen Softwarehäuser wirklich mehr Wert sind, als die der Lehman Bank für eine sichere Anlage und die der Madoff-Fonds für eine stabile Rendite.
Wenn Geld eingespart werden soll, so gibt es gewöhnlich enorme Einsparmöglichkeiten durch effizientere Entwicklung. So sind viele Projekte grotesk mit Mitarbeitern überbesetzt, die sich nur gegenseitig im Wege stehen. Hier liegen die größeren Chancen füer Einsparungen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen